Geistertrude

Eines Abends saßen wir bei Kerzenschein in einem der beiden Blockhäuser im Gemeinschaftsraum beisammen und Trude hatte die glorreiche Idee, dass wir „Gläserrücken“ machen sollten. Ich wusste gar nicht, was das ist und deswegen war ich mir unsicher, was ich davon halten sollte. Einerseits fand ich es albern, aber andererseits hatten wir ja nicht viel Abwechslung in unserer Freizeit. Außerdem war ich mir auch nicht ganz sicher, ob das alles nur Blödsinn war mit der Geisterwelt. Trude war sich zu 100% sicher, dass diese Dinge zweifelsfrei real waren und so setzte sie mit ihrer Dampfwalzenmentatlität durch, dass wir uns zu einer Geisterbeschwörung trafen. Sie duldete keinen Widerspruch.

Noch in dieser Nacht stellte das dunkle Blockhaus, mit den zugeschneiten Fenstern und dem zuckenden Kerzenlicht darin, die ideale Kulisse für das, was sich nun ereignen sollte. Ob man nun an sowas glaubte, oder nicht: Es wurde recht schnell ziemlich unheimlich in dem Raum. Wir saßen um den großen runden Tisch und das Kerzenlicht spiegelte sich in unseren Augen. Am Tischrand hatten wir auf Zettel geschriebene Buchstaben ausgelegt. Außerdem lagen in der Mitte zwei Karten mit „Ja“ und  „Nein“. Trude rief uns alle auf, dass wir ganz still sein und uns konzentrieren sollten. Alle berührten wir mit einer Fingerkuppe das umgedrehte Glas in der Tischmitte und dann rief sie theatralisch in das Dunkel hinein: „Geischt, bisch Du da?“ Erst passierte gar nichts. Aber dann begann das Glas ganz leicht zu rucken und wenig später bewegte es sich dann recht eindeutig in eine Richtung. Bald schon schoss das Glas, wie von Geisterhand bewegt, hin und her über den Tisch. Einer von uns notierte die Buchstaben und Zahlen.

Im Laufe dieser Séance, die sich zu einem dramatischen Höhepunkt steigerte, nahm nun unsere gute Trude mit ihrem toten Vater Kontakt auf, beziehungsweise meinte sie Kontakt mit ihm aufgenommen zu haben. Jetzt wurde es vollkommen grotesk und unheimlich. Wir waren alle so angespannt, dass uns die Nackenhaare zu Berge standen. Schließlich, wie in einem schlechten „Edgar Wallace“ Film, fragte sie, nur spärlich und silhouettenhaft von einer der Kerzen angeleuchtet und in ihrem ureigenen Mannheimer Dialekt:“Hät se Dich umgebracht?“ Und als das Glas dann ruckelnd auf die „Ja“ Karte zusteuerte, schrie sie grell auf und begann schrecklichst zu weinen und ihr zuckender Schatten tanzte hinter ihr im unsteten Kerzenlicht an der hölzernen Wand.

Also das war vielleicht eine Vorstellung!

Unter Tränen erzählte sie uns nun ihre Geschichte. Sie handelte von dem guten und reichen Vater und der schlechten Mutter, die, so glaube ich, mich heute noch zu erinnern, beide inzwischen verstorben waren. Die Atmosphäre in diesem Raum war nun absolut gespenstisch. Umzüngelt von tanzenden Kerzenlichtschatten berichtete sie, dass man sie entmündigt hatte und ihr eigentlich ein Erbe von 2,8 Millionen zustünde. Angeblich würde dies derzeit von einem Treuhänder verwaltet. Man mochte es glauben oder nicht. Ferner verdächtigte sie ihre Mutter den Vater umgebracht zu haben. Ob sie nun log, verrückt war oder nicht: Dies war einer der gruseligsten Momente meines Lebens. 

Später, als wir die Séance fortsetzten, gab der Vater sogar noch ein Aktenzeichen durch, welches sie sich genauer ansehen solle. Im Morgengrauen beendeten wir diese anstrengende Sizung und jeder schlich zutiefst irritiert in seine Kammer.

Seit dieser Nacht klebte jedenfalls ein Russe an ihr. Für die Aussicht auf Millionen war er nur zu gerne bereit, über ihre Körperfülle und das unmögliche Benehmen hinwegzusehen. Mir zwinkerte er immer grinsend zu und sagte: „Dwa sepetaja vosem“ oder so ähnlich, es hieß „Zwei Komma Acht“ auf russisch und gemeint waren die 2,8 Millionen von unserer schandmäuligen Mitbewohnerin. Er lachte mich an und dann schlich er durch den Schnee zu ihrem Zimmer, um sie zu besteigen, denn dass Trude brünstig und willig war, hatte sie von der ersten Minute ihres Therapieaufenthaltes unaufhörlich verkündet. Einmal brüllte sie es über die ganze Anlage hinweg und wir lachten uns wieder einmal kaputt, weil man gar nicht anders konnte. Die Ärmste wurde jedoch für diese Entgleisung von unseren Therapeuten für einen ganzen Tag in „Klausur“ geschickt, also in Einzelhaft, auf ein separates Zimmer, wo sie sich besinnen sollte.

Eines Nachts schlichen wir uns aus der Einrichtung davon. Trude, ihr Russe, Pocahontas und ich. Wir wollten ausbüxen und irgendwo etwas trinken gehen, ein bisschen feiern. Schleichend entfernten wir uns als schwarze Schatten von den Blockhäusern, als alle anderen schon schliefen. Zu viert liefen wir durch den knietiefen, im Mondlicht silber-blau leuchtenden Schnee. Wir wanderten an dem Hof vorbei, in dem wir tagsüber arbeiteten und drangen danach in unbekanntes Gebiet vor. Keiner kannte sich hier aus. Wir gingen einfach ins Ungewisse, in die fremde Dunkelheit zwischen Waldrand und weitem Tal. Silbern vom Mondlicht beschienen, kicherten wir mit einem diebischen Vergnügen über unsere unverfrorene Tat. Ein aufregendes, belebendes Gefühl von verbotenem Abenteuer kam in uns auf. Wir lachten über das Glück, über diese gestohlene Freiheit. Sie prickelte wie Sekt in unseren Adern.

Der große, volle Mond ließ die Schneekristalle wie kleine Diamanten glitzern und es passte auf wundervolle, vollkommene Art und Weise zu den Sternen über uns. Wir stapften kichernd und lachend durch den leise knarzenden Schnee. Es war sehr aufregend. Es war natürlich streng verboten. Es war im wahrsten Wortsinne traumhaft. Wir bahnten uns unseren Weg durch den tiefen Schnee, umrahmt von den schwarzen, gezackten Silhouetten der hohen Tannen bis wir irgendwann, schon tief durchnässt, eine Landstraße fanden, deren Verlauf wir daraufhin folgten.

Wir hatten die Hoffnung, dass wir dann zwangsläufig eine Ortschaft finden würden. Wie weit das sein mochte, konnten wir nicht wissen. Wir gingen einfach.

Wir kicherten, knutschten und marschierten wie die Kinder. Als wir der Straße einige Kilometer gefolgt waren, fanden wir tatsächlich einen kleinen Ort. Einer von uns hatte eine Bankkarte dabei. Wir zogen Geld an einem Automaten und gingen in die nächste Bar. Es war eine Dorfbar und wir waren die einzigen Gäste dort. Nach ein paar Stunden und einer Flasche Vodka kehrten wir sturzbetrunken, gerade noch rechtzeitig, kurz vor dem Wecken, zurück in unser Öko-Therapie-Dorf und krochen, nur Minuten vor dem Wecken, in unsere Betten. 

Keiner merkte etwas. Ich ging in den kommenden Nächten nun öfters durch den hüfthohen Schnee zu der benachbarten Holzhütte hinüber in der Pocahontas schlief, stieg durch das Fenster in ihr Zimmerchen, sank in ihr warmes Bettchen, zwischen ihre Schenkel und wir liebten uns flüsternd und heimlich im Dunkel ihres Raumes. Wenn ich es heute schreibe, hört es sich wie ein kitschiger Film an, zu perfekt für das wahre Leben, aber es war wirklich so. Draußen war es kalt und klar und aus dem Dunkel ihres Zimmers umfingen mich ihre Beine und Arme und leuchteten mich zwei grüne Augen an.

Sie war neunzehn. Ich glaube sie hat mir damals erzählt, dass ihr Vater Mexikaner war. Jede einzelne Moment bei ihr war gestohlen, war verboten und verwegen und deswegen waren diese Minuten wertvoll wie Aztekengold. Ich stahl sie des Nachts wie ein Dieb. Ich schlich unter Sternenlicht durch leuchtenden Schnee, steig bei ihr ein und versank im Amazonas-Dschungel, drang in den Inkatempel ein und nahm all ihr Gold. Sie hatte eine schöne, bronzene Haut, glatte pechschwarze Haare und ein hübsches Gesicht, dessen Konturen das fahle Mondlicht nachzeichnete. Ihre glockenklare Stimme stöhne leise und lustvoll in mein Ohr. Reicher kann ein Moment nicht sein.

Aus „Höllensturz“ Band 2 der Reihe „Umwege. Die innere Reise.“ Auszug aus dem Kapitel „Pocahontas“ Das Buch erscheint vorraussichtlich noch in 2024.

Kuhärsche

Weil ich, wie gesagt, eine akute Hepatitis C hatte und ich mich etwas schonen sollte, bekam ich im Kuhstall eine weniger anstrengende Rolle zugeteilt. Während die anderen Mist aufgabelten und in Schubkarren auf den großen Misthaufen schoben, bestand meine Aufgabe darin, die Tiere zu reinigen.  Eine sehr alte Dame, die mindestens einen der beiden Weltkriege noch persönlich erlebt hatte, unterwies mich militärisch und dementsprechend knapp und ruppig in meinem neuen Betätigungsfeld. Mit zusammengebissenen Zähnen ließ ich diesen Tonfall über mich ergehen und beäugte sie dabei aus feindseligen Augenschlitzen. Die energische alte Bäuerin hatte eine drahtige Figur und trug ihr weißes Haar unter einem Kopftuch. Trotz ihres hohen Alters war sie noch wieselflink. Sie stand vor mir wie ein SS-Hauptmann. Mit schneidender, harter Stimme und rollendem “R”, trug sie mir kurzerhand auf, dass ich mich hinter die jeweilige Kuh stellen und die von getrocknetem Kuhdung starrenden Schweife einfangen solle: „Dann nimmst Du den Eimer her…Hier… So unter den Arm… und mit der anderen Hand fängst Du den Schweif und hältst ihn in den Eimer, damit sich der Dreck löst! Da fang an!“ Für mehr erhellende Worte hatte sie keine Zeit. Schon marschierte sie wieder von dannen und ließ mich allein hinter dieser langen Reihe kolossal verdreckter Kuhärsche stehen. Ich stand da zunächst recht ratlos und versuchte dann, recht schüchtern meinen ersten Kuhschweif zu fangen.

Die Kühe stanken gottserbärmlich. Sie hatten in ihren Fladen gelegen und sie waren wirklich komplett voller Mist und Dreck, der eingetrocknet in dicken Krusten an ihren Flanken klebte. Weil sie im Winter eingelagertes Stroh mit Melasse fraßen, hatten die Rindviecher alle Durchfall. Der Stall war eine olfaktorische Hölle. Der ganze Saal war vollgeschissen und vollgepisst. Ich rang nach Luft.

Jetzt stand ich da, eben noch quasi Vortänzer in der Königsburg, mit Gummi- statt Cowboystiefeln im Stall und versuchte Kuhschwänze zu fangen. Das war gar nicht so einfach, denn sie schlugen ständig nach Fliegen damit. Diese Rinderart hatte sehr lange Haare an ihren Schwänzen, es waren richtige Schweife, wie Pferdeschwänze fast. Diese langen Haare an ihren Schweifen sahen aber aus wie Dreadlocks, weil sie mit altem, versteinertem Mist verklebt waren, der in runden Kugeln und langen Würsten darin hing. Mit einem Eimer kalten Wassers unter dem Arm stand ich nun da und hatte den unmissverständlichen Befehl, diese zuckenden Mistpeitschen einzuweichen.

Man kann sich vorstellen, wie begeistert ich davon war. Und auch die Kuhdamen waren von dem ganzen Plan wenig angetan. Wer will schon seinen Schwanz in kaltes Wasser getaucht bekommen? Also ich jedenfalls nicht! Und so verstand ich es auch prinzipiell, dass sie sich nicht selten dabei widersetzten. Es konnte vorkommen, dass sich mir ein solcher Dungzopf entriss und dann peitschten sie ihn mir, halb eingeweicht, rechts und links, um die Ohren. Ein durchaus verzichtbares Erlebnis. Den mistverklebten Schweif zogen sie mir wie einen Pinsel, kreuz und quer durch mein verdutztes Königsgesicht. Was für ein Bild: Ich stand hinter der langen Reihe der verkackten Rindviecher und machte Armdrücken mit den Mistpeitschen, während ich den Eimer mit dem dreckigen, kalten Dungwasser unter dem anderen Arm hielt. Alles schwappte über mich und ich fühlte mich vom Schicksal verarscht. 

Wenn eine Kuh den Schwanz am Ansatz leicht anhob, dann musste ich schnell zur Seite springen, denn dann war sie im Begriff, einen Schwall breiartigen Melasse-Dünnschisses nach hinten abzufeuern. Nicht selten taten sie es mit solcher Wucht, dass der Strahl an die Wand hinter mir spritzte. Die Kühe schissen also sprichwörtlich die Wand an und ich jumpte dahinter mit meinem Eimer voller stinkender Brühe umher, wie Supermario bei Donkey Kong. 

Wenn ich die Kühe striegelte und zwischen ihnen stand, lief ich zwar nicht mehr Gefahr angeschissen zu werden, aber dann kam es vor, dass sie mich fast zerdrückten. Wenn zwei Rinder, die jedes circa eine halbe Tonne wogen, mich einklemmten, konnte ich sie nur mit einem gezielten Ellenbogenhieb in ihre Rippen davon abhalten mich plattzudrücken. Also wirklich leberschonend war dieser Job auch nicht. Nach einer Weile schaffte ich es, ca. 3 Kühe pro Tag zu säubern. Mit größter Mühe und Anstrengung gelang es mir, sie zu striegeln, abzuwaschen und ihnen den trockenen Mist vom Leib zu kratzen. Ich stand schweißgebadet daneben. Die Kuh sah aus wie neu! Ich hingegen spottete jeder Beschreibung. Ich war von oben bis unten voller Mist und Stroh und stank bis weit in die Alpen hinein.

Dies ist ein Auszug aus dem Kapitel: „Pocahontas“ aus dem Buch:

„Höllensturz“ – Umwege. Die innere Reise. Band 2

Erscheint voraussichtlich noch in 2024…