Reue

Auf den Irrwegen durch mein unsortiertes Dasein begegnete ich auch immer wieder meinem Grünauge. Ich schenkte ihr nicht wirklich viel Aufmerksamkeit, weil ich durch die ganzen Vorgänge in meinem Leben auf viele Arten von ihr abgelenkt wurde. Ich nahm sie einfach wie eine Selbstverständlichkeit hin, wie einen Aspekt unter vielen in meinem Leben. Manchmal fiel sie mir ein, oder ich sah sie irgendwo und dann ging ich zu ihr. Als erste und tiefste Liebe meines Lebens bedeutete sie mir jedoch heimlich, in der Tiefe meiner Seele verborgen, viel mehr als es mir damals bewusst war. 

Mein Blick auf sie war nicht nur durch die Veränderungen in meinem Leben verstellt, sondern zudem auch noch von der Strahlkraft ihrer betörenden Sexualität überlagert. So viele Frauen ich auch im Laufe der Zeit kennengelernt hatte: Keine fand ich letztlich so geil wie sie. Bei keinem sexuellen Abenteuer, so gut sie auch waren, fand ich letztlich diese Qualität der Lust, wie ich sie bei ihr erlebt hatte. Grünauge war die Königin des Sex. Und so sah ich sie vornehmlich nur noch mit lüsternen Augen an, wenn ich sie sah. Wenn ich zu ihr schlich, hatte ich nur eines im Sinn. Ich war süchtig danach.

Sie hatte das schon lange bemerkt und sie war es zunehmend leid geworden, dass ich sie immer nach Belieben aus dem Hut zog, wie einen Sexjoker, wenn mir gerade mal die Laune danach stand. Heute bereue ich es zutiefst, aber damals war es tatsächlich oft so. Es geschah irgendwie automatisch. Ich wurde schon geil, wenn ich nur an sie dachte. Der Mensch, der Grünauge war, verschwand für mich hinter der blinkenden Leuchtreklame ihrer Erotik.

Langsam begann sie mir zu zeigen, wie benutzt sie sich dabei vorkam und der Sex begann auf diese Weise, jedesmal ein bisschen mehr, seinen Zauber zu verlieren. Sie sprach diese Dinge allerdings niemals aus. Sie kommunizierte es stumm. Sie zeigte es mir durch ihr Verhalten. Demonstrativ wurde sie immer mechanischer, kälter, entfernter. „Ich fühlte mich nicht mehr wohl dabei!“ ließ sie mich auf diese Art wortlos wissen. Aber ich nahm es zuwenig wahr. Ich glaube, zuletzt muss sie mich gehasst haben. Gesagt hat sie es nie. Wie voll von mir selbst muss ich gewesen sein, dass ich all das damals nicht gesehen und verstanden habe?

Ich erschien einfach im Türrahmen und wollte, dass sie mir zu Willen war. Ich ging irgendwie davon aus, dass sie es genauso wollte.

Ich sah und merkte es in meiner Egoshow nicht, aber als unser Feuer erstarb und verging, da blieb irgendwann nur noch etwas Glut in den verkohlten Resten zwischen uns und dann schließlich zerfiel alles zu weißer Asche. Diese letzten Überreste unseres Liebesfeuers sollte dann der Wind mit der Zeit verwehen und am Ende würde nichts von der einstigen Größe und Schönheit dieser hohen Flammen übrigbleiben. Im Gegenteil, es blieb Trauer und ein stiller Vorwurf.

Erst jetzt, da ich mich sehnsüchtig und reuevoll erinnere und all dies aufschreibe, verstehe ich die letzten Szenen zwischen uns. 30 Jahre später sitze ich hier und vor meinem inneren Auge spielt sich alles noch einmal ab wie ein Film. Jetzt erst höre und verstehe ich ihre stille Anklage. Sie hatte mich wortlos spüren lassen, dass ich unsere Liebe auf dem Gewissen hatte, dass ich alles, was einmal schön zwischen uns gewesen war, kalt ermordet hatte. Besonders zwei Szenen wirken heute besonders auf mich und ich schreibe sie voller Reue und Scham nieder:

Ich erinnere mich an einen meiner letzten Besuche bei ihr. Damals wohnte sie noch im Hause ihrer Eltern und ich erinnere mich daran, dass es draußen schon dunkel war. Ich sehe in meiner fragilen Erinnerung, wie sie auf der Fensterbank saß, als ich den dunklen Raum betrat. Sie sah durch die Scheiben auf das silberne Mondlicht, das sich wie ein leuchtender Schleier über die Konturen des Gartens gelegt hatte. Es war eine schöne, sternenklare Nacht und der Garten hinter dem Haus lag in gespenstischer Stille und Silberlicht. Es war eine Szene wie aus einem Traum. Ich stand mitten im dunklen Zimmer und bekam Lust auf sie, wie immer, wenn ich sie erblickte. Sie aber saß nur stumm und abwesend, würdigte mich kaum eines Blickes und sah ins ferne, sternenblinkende All hinaus und auf die mondenbleich beleuchtete Gartenszene darunter. Sie trug ein Nachthemd und umarmte eines ihrer Beine, das sie spitz angewinkelt auf der Fensterbank aufgestellt hatte. Das andere Bein ließ sie herabhängen. Dieser ganze Anblick sah so anmutig aus wie ein Gemälde. Ihre Kontur war märchenhaft von weißem Mondlicht umrissen. Blass lag der bleiche Schein auf den Rändern ihrer Wangen und auf dem Rücken ihrer kleinen Stupsnase. Es war ein wunderschönes Bild. Wie aus Porzellan gegossen, saß sie da und eigentlich war es ehrfurchtgebietend. Man hätte sie unangetastet und in Frieden lassen müssen.

Ich spürte das für einen Moment, sonst könnte ich es heute nicht schreiben, aber zugleich übermannte mich auch meine Lust auf sie. Denn ich sah das silberne Mondlicht auch auf den üppigen Rundungen ihrer Brüste liegen. Ich sah die sündhaften Formen ihres jungen Körpers, die sich unter dem dünnen Stoff des Nachthemdes abzeichneten. Ich kam nicht darüber hinweg. Sie machte mich einfach nur geil wenn ich sie nur ansah. Ich stand wirklich auf sie. Ihr Sex war der Beste. Es gab einfach nichts Besseres auf der Welt. Also entschied ich mich dazu, es ihr zu verstehen zu geben, obwohl es überhaupt nicht in diesen stillen, stimmungsvollen Moment passen wollte. Vom verträumten Mondenschein beschienen und völlig stumm, mit versteinertem Gesicht, entkleidete sie sich daraufhin, ohne ein Wort, ohne ein Lächeln. Mit einem fast toten Gesichtsausdruck ließ sie das Nachthemd zu Boden fallen. Und ebenso teilnahmslos und kalt wie ein Fisch wandte sie sich dann zu mir, kniete sich splitternackt vor mich hin und begann mich mit ihrem Mund zu befriedigen wie eine anonyme Liebesdienerin. Sie tat es technisch perfekt, aber ohne jede echte Leidenschaft, ohne jedes Gefühl der Geilheit oder Lust. Sie bediente mich wie eine Hure und als es zuende war, ging sie stumm und wortlos wieder zur Fensterbank und sah weiter aus dem Fenster. Kein Wort, kein Lächeln. Nackt wie sie war, saß sie nun da im Mondlicht wie zuvor, wandte den Kopf von mir und sah hinaus. Von ihrem Gesicht las ich einen seltsamen Ausdruck ab, den ich damals nicht zu deuten wusste. Heute, da ich in meiner Erinnerung in diesen Augenblick zurückkehre, lese ich dort Resignation, Trauer, Wut und Bitterkeit. Ohne dass sie ein einziges Wort verlor, ließ sie mich dennoch spüren, dass hier etwas verloren war. Es war der tonlose Schwanengesang über den Tod unserer Liebe.

Ich sehe mich jung, ratlos und eigenartig beschämt ein paar Schritte abseits von dem Fenster im Dunkel des Zimmers stehen. Ich spürte damals, dass dies eine Lektion gewesen war. Es war sicherlich seltsam und etwas befremdlich gewesen, aber so richtig verstanden habe ich es damals nicht. Ich merkte nur, dass etwas falsch war, grundfalsch. So machte es keinen Spaß. Der Sex war leer gewesen, seelenlos. Auf diese Art sprach sie zu mir ohne Worte: „Wenn Du nur den Sex in mir siehst, dann sieh selbst was das wert ist!“ Ich verstand es nur atmosphärisch und unterbewusst. Für den Moment stand ich nur verdattert da, fühlte mich irgendwie schäbig und wusste nicht genau warum. 

Etwas später, ich glaube, es war sogar das letzte Mal, dass es zum Sex zwischen uns beiden kam, waren wir auf dem Land.  Wir saßen im Auto unweit von dem Bauernhof, auf dem mein Kindheitsfreund Gall mit seinen Eltern wohnte. Ich war dort für die Zeit meines Wochenendbesuchs aus Hamburg untergekommen. Wir standen mit ihrem blauen VW-Golf einige Meter abseits von der Straße auf einem staubigen Feldweg. Es begann zu dämmern und wieder drängte ich auf Sex. Ich war so verrückt danach, dass ich fast schon bettelte. Und ich hörte auch nicht auf, es einzufordern, als sie klar sagte, dass sie keine rechte Lust habe. „Komm schon! Bitte! Ich will es so sehr!“ beschwor ich sie. Ich war doch mit ihr allein. Es musste doch passieren! Ihr wunderbarer Mund, ihre Brüste, ihr sündhaft guter Sex! Ich hatte nichts begriffen. Ich war blind und taub für ihre Bedürfnisse. Ich schäme mich, während ich heute diese Szene beschreibe, denn heute weiß ich wie schwach und schlecht mein Verhalten damals war. Ich war ein egoistisches, notgeiles Arschloch.

So kam es zu einer grausam schlechten Szene von hingequetschtem Sex im Auto, der wohl niemandem rechte Freude brachte. Ich hatte in meiner Jugend, in meiner Lust, einfach nicht den Anstand besessen, ihr „Nein!“ zu akzeptieren. Ich konnte ihr nicht widerstehen. Als ich schließlich mit Hängen und Würgen gekommen war, stieg sie nackt und schweigend aus dem Auto.

Wir hatten nahe an einem kleinen Flüsschen geparkt. Hier war keine Menschenseele weit und breit. Splitternackt ging sie im schwindenden  Licht der untergehenden Abendsonne zu der kleinen Brücke, die da über das Flüsschen führte, lehnte sich vornüber an das Geländer und sah wieder, wie damals auf der Fensterbank schon, mit einem verlorenen und traurigen Ausdruck in ihrem stummen Gesicht in den fernen, kupfer-goldenen Sonnenuntergang. Ich lag verklebt auf der Rückbank im Auto und sah diese Szene wie in einem Film. Sie wirkte surreal und eindrucksvoll. Ich fühlte mich schlecht, denn irgendwo in der Tiefe meines verdrängten, wahren Selbsts spürte ich, dass ich etwas getan hatte, was nicht gut war. Wie sie so dastand im Orange des Sonnenunterganges, war sie eine Statue der Verletztheit, der Enttäuschung und des wortlosen Vorwurfs. Es war, als sähe sie dort hinten am glühenden Horizont das absolut traurige und ernüchernde Ende unserer Geschichte. Mit diesem Stummfilm zeigte sie mir nun zum zweiten Mal, dass ich ihr wirklich Unrecht antat. Ich spürte für einen kurzen Moment die Wahrheit und die Scham darüber, dass ich all das Schöne unserer Liebe entweiht hatte.

Ich hatte sie zu meiner Hure gemacht. Das hatte sie nicht verdient. Ich ging dennoch nicht zu ihr. Ich wagte es nicht. Ich sah sie nur an. In ihrer Nacktheit und im goldenen Schein der tiefstehenden Sonne sah sie fragil und gleichzeitig anmutig aus. Wieder war sie eindrucksvoll wie ein Ölgemälde und während ich dieses Bild betrachtete, begriff ich zwar emotional die Tragik dieses Augenblicks, spürte ihr Unglück, aber in meinem jungen Kopf verstand ich die Situation nicht. Das tue ich erst heute. Ich habe, so gesehen, 30 Jahre gebraucht, um zu begreifen, was an diesem Abend geschah. Wäre ich doch wenigstens zu ihr gegangen und hätte mich entschuldigt, hätte sie umarmt, getröstet und sanft gehalten. Aber selbst dazu fehlte mir die Größe und der Mut. Klein und feige blieb ich im Auto und zog mir die Hose hoch. Es ist schwierig aus heutiger Sicht auf diese Szene zu blicken, die ganz sicher einer der schwächsten Momente meines Lebens war.

So tötete ich unsere Liebe und es kam der Tag, an dem sich Grünauge befreite, ab dem sie endgültig nicht mehr für mich zugänglich war. Als ich sie irgendwann ein weiteres Mal besuchte, fand sie endlich die Kraft, sich von mir loszusagen. Sie sprengte die Ketten, die sie an mich gebunden hatten, und verweigerte sich mir. Sie spie mir ein giftiges, deutliches: „Nein!“ entgegen, das keinen Zweifel mehr an ihrer Abscheu ließ. Als ich sie mir gewohnheitsmäßig nehmen wollte, als ich ihren Busen ergreifen wollte,  fauchte sie, wie eine tollwütige Katze, ein so giftiges „Nein!“, dass ich erschrak. Darin spürte ich ihren angesammelten Schmerz und Hass. Nun sagte sie sich los. Klar und absolut. Das war nur gerecht. In diesem Moment war unser gemeinsamer Weg unweigerlich zu Ende. Ich zuckte regelrecht zusammen und war überrascht über ihre nun völlig offen zutage tretende Ablehnung und Feindseligkeit. Ich schaute in grüne Augen, die starr und hart auf mich blickten.

Sie sah mich an wie einen Feind. Blanke Wut glänzte darin. Alles war vorbei. Ihr Blick sperrte mich aus. Das Augenpaar, in dem ich einst zuhause gewesen war, sah mich nun unverwandt an wie einen Fremden. Ich verstand in dieser Sekunde, dass ich raus war. Aus ihrem Herzen, aus ihrem Blick, aus ihrem Leben. Auf einmal gab es nichts mehr zu sagen. Stumm wies sie mir die Türe und ich ging verstört nach Hause. Die Gedanken und Gefühle in mir waren aufgewirbelt wie die Flocken einer Schneekugel. Langsam, sehr langsam, würden diese Fragmente der Verwirrung sich irgendwann wieder zu einem Bild zusammenfügen. Ich würde erst nachträglich begreifen, was ich da verloren und verspielt hatte.

Manchmal wissen wir erst, wenn wir etwas verlieren, was es uns bedeutet. Ich hatte mich ihrer in den letzten Jahren so sicher geglaubt, dass ich sie am Ende gar nicht mehr zu schätzen gewusst hatte. Sie jetzt so endgültig und radikal, ganz und gar zu verlieren, spielte mir etwas von dem Schmerz zurück, den ich ihr in meiner Achtlosigkeit wohl schon seit längerem bereitet hatte. Jetzt kam dieser Schmerz als Reue, Trauer und Sehnsucht zu mir zurück und das hatte ich mehr als verdient.

Ich habe in den kommenden Jahren oft an diese Liebesgeschichte zurückgedacht und fast immer waren meine Erinnerungen an das Grünauge, an die Schönheit und die Größe unserer Liebe, von der Sehnsucht begleitet, in diese glücklichen Momente zurückkehren zu wollen. Oft habe ich mich hingesehnt in diese wortwörtlichen “Augenblicke”, in welchen ich tief in der klaren See ihrer grünen Augen versunken und auf deren Grund ich selig gewesen war. Vielleicht war ich dort, in ihrem Grün tauchend, einem Menschen, einer Seele, näher, als ich es später je wieder war. Für wenige Stunden habe ich damals die Liebe in ihrer ganzen Pracht gesehen und erlebt. Das Glück ist in seiner Natur flüchtig und man kann es weder fangen noch festhalten. So verloren wir es irgendwann und es wehte wie ein Schleier davon, endete wie ein langsam sterbender Traum.

Lange war es zwischen Grünauge und mir so, als sei die Liebe zwischen uns immer hin- und hergewandert. Als hätte immer nur einer geliebt, als hätten wir die Liebe über weite Strecken wie eine Fackel, abwechselnd und dann fast alleine getragen. Und trotz alledem: In den goldenen Momenten, als wir uns in der Mitte trafen, in der Schnittmenge unserer Liebe, in diesen wenigen, gezählten Tagen an denen wir uns wahrhaft gegenseitig liebten, erlebte ich das Schönste, was ich je mit einer Frau in meinem Leben erfahren habe. Und ich meine ausnahmsweise nicht nur den Sex. Es waren besonders die nackten, verliebten Momente danach, in denen wir gemeinsam an die Decke sahen und sprachen, in denen wir uns eine Zigarette teilten. Wir waren uns nahe gewesen, wirklich nah, und in dieser Nähe war es mir sehr gut gegangen.

Mit schwerem Herzen, dachte ich in all den Jahren, die seitdem vergangen sind, immer mal wieder an diese grünen Blicke, die so tief in mich gedrungen waren, an die verschwitzten Stunden in schwülen Sommernächten. Wie gnadenlos jung wir damals waren! Die feuchten Laken hatten an uns geklebt und während wir leidenschaftlich miteinander schliefen, sagten wir uns: „Ich liebe Dich!“ und „Ich liebe Dich auch!“. Wir waren tief im Blick des Anderen zuhause. Unsere Blicke waren zusammengeschmolzen. Stundenlang hatten wir auf diese Art beisammen gelegen, uns gehalten und angesehen. Dies war das größte Glück. Ich habe auf Erden nichts besseres finden können. Die übrige Zeit haben wir uns jedoch meistens irgendwie verfehlt, liebte einer und der andere ließ sich lieben. Ja, ich schätze, so war das.

Noch nach Jahrzehnten träumte ich ungefähr ein- oder zweimal im Jahr von ihr. In der verschleierten Tiefsee meiner Träume kehrte ich zu ihr zurück. Hinter zeitlosen Sphären in fernen Traumwelten, in alternativen Universen, fand ich den goldgrünen Schimmer ihrer Augen wieder, sank erlöst in die Wärme ihrer Umarmung und sah dabei das glückliche, kecke Lächeln in ihrem blutjungen Gesicht. Oh, welche Vertrautheit fand ich darin! Ich war am Ziel meiner Sehnsüchte angelangt. Die bloße Ansicht ihrer spitzen Nase und der darunter entblößten oberen Zahnreihe, die zu kleinen glücklichen Bällchen erhobenen Wangen mit den entzückenden Grübchen darin, der Klang ihrer Stimme und der Geruch ihrer Haut vermochten mich so glücklich zu machen wie nichts anderes auf der Ẃelt. 

Dann wachte ich ganz verliebt auf, als wäre alles erst gestern gewesen und noch ganz umsponnen von diesem Zauber, griff ich dann oft genug zum Telefonhörer und rief sie an, als könnte ich die Vergangenheit und das Glück einfach anrufen. Mit jedem Jahr wurde dieses Gespräch immer befremdlicher und skurriler. Sie machte es sehr deutlich, dass meine Anrufe sehr ungelegen kamen und ihr grundsätzlich nicht willkommen waren. Sie muss gedacht haben, dass ich verrückt bin. Und ich fühlte mich auch so. Es wurde am Ende sehr peinlich und sehr distanziert zwischen uns und ich machte mich jedes Mal zu einem noch größeren Trottel. Ich war nur noch der fast schon stalkende, ehemalige Schulfreund, der einfach nur nervte, weil er ganz sehnsüchtig aus dem Nichts anrief und fragte:“ Soll ich Dir nicht mal meine Nummer geben? Wir könnten uns sehen und reden!…Nur eine Tasse Kaffee…Ich würde Dich sehr gerne einmal wiedersehen…“ Und sie antwortete:“ Ach, ich schreibe deine Nummer dann nur auf einen Zettel und verlier den dann wieder. Welchen Sinn sollte das haben?“ 

So sprach sie durch die Blume, indirekt, wie es ihre Art war, und es bedeutete: „Verpiss Dich endlich! Sieh doch ein, dass ich keinerlei Interesse an einer Kommunikation mit Dir habe.“ So endete die Geschichte von meiner ersten Freundin. Am Ende war ich es, der noch leiden musste, der regelmäßig, einmal im Jahr verliebt aufwachte, chancenlos verliebt in eine längst vergangene Zeit, in ein Mädchen von damals, das es lange nicht mehr gab.

Wenn ich A-Ha’s „The sun always shines on TV“ höre, dann wird mein Herz sogar heute noch ganz süß und schwer. In diesem Lied ist die emotionale Erinnerung an diese Liebe konserviert. Dann erinnere ich mich für einen kurzen, wundervollen und gleichzeitig bittersüßen, sehnsuchtsvollen Moment daran, wie es sich angefühlt hatte, als ich mit 14 Jahren erstmals in diese grünen Augen geblickt und mich von diesem Augenblick an eine Flutwelle der Gefühle mit sich gerissen hatte.

Solche sehnsüchtigen und sentimentalen Anwandlungen schüttelte ich im Jahre 1991 aber genauso schnell wieder ab, wie sie gekommen waren. Ich suchte und fand Ablenkung zwischen anderen Brüsten und Schenkeln, in anderen Armen. Es würde mich Jahre kosten, festzustellen, dass ich niemals ersetzen können würde, was ich so leichtfertig verspielt hatte. Mein Leben war damals ein schneller, praller Ablauf von Ereignissen. Besonders in Hamburg hatte ich ja ein großes Abenteuer zu bestehen. Da blieb nicht viel Zeit für reuevolle Reflektionen.

Ich fuhr nicht jedes Wochenende nach Krefeld, auch wenn ich es am liebsten getan hätte. So kam es, dass ich auch mal in Hamburg ausging, auf die Reeperbahn und in Hamburger Clubs. Das fühlte sich ganz anders an als mein Heimspiel zuhause. Ohne das vertraute Umfeld, meine Jungs, meine Burg, war ich nur ein Junge von vielen, der allein unterwegs war und in der Menge unterging. In Hamburg war ich ein Tourist, der niemanden kannte. Wenigstens fand ich einen englischen Praktikanten in der Textabteilung unserer Agentur, der ganz brauchbar aussah und für jeden Blödsinn zu haben war. “Alexis” hieß der Kerl und ich nahm ihn gleich ins Schlepptau. Und er war tatsächlich, wie die meisten Briten, recht trinkfest und lustig. Er teilte meinen derben Humor. Ich weiß noch, dass er eine „Panik“-Gürtelschnalle hatte, wie Udo Lindenberg sie trug und dazu meinte er dann: „Panicpenis in the house!“ Das passte zu meinem Krefelder-Proll-Style! Also zogen wir los.

Nach ein paar Szenelokalen und Stripteasebars verlor ich den Panikpenis aber ziemlich schnell wieder irgendwo im Suff, im Treiben der Nacht. Morgens um vier tanzte ich schließlich mit Schlagseite irgendwo in der Nähe der “Großen Freiheit”, oder man kann sagen: Ich “schwankte” auf irgendeiner Tanzfläche zwischen dubiosen Gestalten umher, da sah ich eine Busengöttin mit straff gespannter Bluse am Rand der Tanzfläche neben einer Box stehen. “Außerordentlich!” fand ich.

Während ich auf sie zustolperte, versuchte ich mich zusammenzunehmen. Einige Sekunden später bemühte ich mich, mit alkoholschwerer Zunge so deutlich wie möglich die Frage zu artikulieren, die ich in ihr Ohr sprach: “Was machst du denn gleich noch?”

Als es langsam schon wieder hell wurde, saßen wir am Tresen einer urigen Hamburger Kneipe zwischen den Übriggebliebenen der Nacht. Alles quatschte und lallte und soff. In dem Gewirr aus Musik, Stimmen und Gläserklingen wurde mein Kopf langsam bedenklich schwer und ich hatte zunehmend Mühe ihn oben zu halten…und die üppige Busenkönigin schien sich überhaupt zu zieren…Langsam gab ich innerlich schweren Herzens meine Hoffnung auf Sex auf und überlegte, ob ich mich verabschieden und zur U-Bahn torkeln sollte. Der Gedanke gefiel mir aber auch nicht so richtig und so hing ich da, wie ein Sack Muscheln auf meinem Barhocker. Es war Sonntagmorgen und die Sonne stieg langsam über Hamburg auf und warf lange Schatten in die leeren Straßenschluchten. Und ich wäre fast im Sitzen eingeschlafen, da sagte sie plötzlich: „Lass uns gehen!“

Wenig später in ihrer Wohnung machte mich der unverhoffte Anblick ihrer entblößten Prachtbusen wieder wach. Welchen üppigen und prächtgen Augenschmaus boten doch diese beiden perfekten Exemplare? Wir hatten uns in ihrem Wohnzimmer teilweise unserer Kleidung entledigt und nun griff sie meinen Penis und schleppte mich daran, wie an einem Abschleppseil in ihr Schlafzimmer. Auf ihrem Bett standen mir ihre Busen wie zwei steife Puddings entgegen. Es waren perfekte Meisterwerke der Natur. In meinem Kopf leuchtete in Neonschrift auf: “Überbingo” und “Tittenjackpot!” So kann es laufen. Manchmal muss man eben auch Glück haben!

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